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ASTM (ASTM International)

ASTM International ist eine weltweit tätige, unabhängige Standardisierungsorganisation. Sie entwickelt freiwillige Konsensnormen – also technische Standards, Prüfverfahren und Spezifikationen für Materialien, Produkte und Prozesse. Ziel ist Vergleichbarkeit: Wenn zwei Labore nach derselben ASTM-Norm prüfen, sollen Kennwerte wie Zugfestigkeit, Härteoder Medienbeständigkeit wirklich belastbar gegenüberstellbar sein.

Wofür ist ASTM in der Praxis wichtig?

ASTM begegnet uns in der Technik vor allem hier:

  • Werkstoffauswahl & Spezifikationen
    Materialien werden über Mindestanforderungen beschrieben, die in einer ASTM-Norm definiert sind (z. B. Prüfaufbau, Probenform, Auswertung).
  • Prüfberichte & Datenblätter
    Kennwerte sind nur dann sinnvoll vergleichbar, wenn klar ist, nach welcher Norm geprüft wurde (z. B. Härte, Zugfestigkeit, Compression Set, Ölbeständigkeit).
  • Qualitätssicherung & Wareneingang
    Prüfungen folgen standardisierten Methoden – so lassen sich Abweichungen reproduzierbar erkennen und sauber dokumentieren.

Gerade in der Elastomer- und Dichtungstechnik, z. B. bei O-Ringen, Profile, Formteilenoder Dichtungensind ASTM-Prüfnormen weit verbreitet – oft parallel zu DIN/EN/ISO.

Kurzer Hintergrund der ASTM

Die Organisation geht auf 1898 zurück; als Initiator gilt Charles Benjamin Dudley (Pennsylvania Railroad). Auslöser waren u. a. Qualitätsprobleme im Eisenbahnwesen und der Bedarf nach einheitlichen Materialanforderungen. Seit 2001 trägt die Organisation offiziell den Namen ASTM International.

Wie viele ASTM-Standards gibt es?

ASTM nennt heute über 13.000 Standards, die weltweit genutzt werden.

Typische ASTM-Normen in der Elastomer- und Dichtungstechnik

Einige Standards, die häufig in Spezifikationen und Prüfplänen auftauchen:

  • ASTM D412Zugversuch an vulkanisiertem Gummi/TPE (Zugfestigkeit, Bruchdehnung, Module)
  • ASTM D2240 – Durometer-/Shore-Härte für Elastomere und Kunststoffe
  • ASTM D395 – Compression Set / Druckverformungsrest
  • ASTM D471 – „Effect of Liquids“ (Änderungen durch definierte Flüssigkeiten, z. B. Öle oder Kraftstoffe)
  • ASTM D1149 – Ozonprüfung (Rissbildung unter definierter Ozonbelastung)
  • ASTM D2000 – Klassifikations- und Callout-System für vulkanisierte Gummimaterialien (häufig im Automotive-Umfeld)

Zwei Punkte verdienen besondere Aufmerksamkeit: ASTM D2000 erscheint in Lastenheften als kompakter Code – etwa „M2-BG714-A14-B14".

Das führende „M" im Code signalisiert zudem, dass alle Anforderungen in den international festgelegten Maßeinheiten, den SI-Einheiten angegeben sind – fehlt es, gelten US-Einheiten (psi, °F). Wer das übersieht und die Zahlenwerte einfach als metrisch liest, spezifiziert einen Werkstoff mit falschen Festigkeits- und Temperaturgrenzen.

Die Abkürzung „BG“ steht in diesem Kontext für die Werkstofffamilie, die anschließende Nummer „714“ spezifiziert die Kennwertgruppe, typischerweise 70 Shore A mit Mindestzugfestigkeit.

Der darauffolgende Buchstabe (Type) legt die Temperaturbeständigkeit fest: A steht für 70 °C, die Skala reicht bis J für 275 °C. Der zweite Buchstabe (Class) definiert die Ölbeständigkeit über die maximal zulässige Quellung in Referenzöl: A bedeutet keine Anforderung, K steht für sehr geringe Quellung. Ein „BG"-Material – typisch NBR – bedeutet damit: 100 °C Wärmebeständigkeit, mittlere Ölbeständigkeit.

Zuletzt werden mit der Bezeichnung „B14“ zusätzliche Anforderungen aus Prüfgruppe B, meist in Bezug auf Quellverhalten in Ölen, dargelegt.

Ohne Kenntnis über die vollständige Leseart dieses Codes, fehlt auch das Wissen darüber, welche Werkstoffanforderungen ein Kunde tatsächlich stellt.

Bei ASTM D471 wiederum kommen spezifische IRM-Referenzöle zum Einsatz (IRM 901, 902, 903), die nicht identisch mit den ISO-Prüfölen nach ISO 1817 sind – IRM 903 ist gegenüber vielen Elastomeren aggressiver als das vergleichbare ISO-Öl Nr. 3. Quellwerte aus ISO-Prüfungen sind deshalb nicht direkt auf ASTM-Anforderungen übertragbar.

Wichtig für die Interpretation: Zwei Werkstoffe können „ähnlich“ wirken – aber Temperatur, Prüfdauer, Probenform, Dehngeschwindigkeit oder die verwendete Referenzflüssigkeit entscheiden, ob Werte wirklich vergleichbar sind. Genau deshalb ist die Normangabe in Datenblatt, Zeichnung und Prüfbericht so wertvoll.

ASTM vs. DIN/EN/ISO – muss man sich entscheiden?

Nein. In vielen Projekten laufen ASTM und ISO/DIN/EN parallel. Entscheidend ist, dass in Zeichnungen, Spezifikationen und Prüfplänen eindeutig festgelegt ist, welche Norm gilt – und dass Kennwerte aus unterschiedlichen Normsystemen nicht unreflektiert gleichgesetzt werden.

Zwei konkrete Fallstricke: ASTM D412 verwendet andere Probengeometrien (z. B. Die C) als DIN 53504 (z. B. S2), was bei identischem Material zu systematisch abweichenden Bruchdehnungswerten führt. Und Zugfestigkeitswerte in US-Datenblättern werden häufig in psi angegeben – ein Wert von 2.000 psi klingt hoch, entspricht aber nur etwa 13,8 MPa. Wer ASTM- und ISO-Datenblätter nebeneinanderlegt, sollte Einheiten und Prüfgeometrien immer zuerst abgleichen. Dann sind Anforderungen, Prüfergebnisse und Freigaben sauber nachvollziehbar.


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